Es sieht aus wie Puderzucker, der über großen Teilen von Ulm und Neu-Ulm liegt: Bei den feinen Kristallen handelt es sich aber weder um Raureif noch um echten Schnee. Das Phänomen taucht nur bei speziellen Wetterlagen und zumeist in Regionen mit großen Schornsteinen auf: Industrieschnee.

Es hat ein bisschen was Märchenhaftes, wenn ganze Stadtteile und die Natur mit einer feinen Schicht überzuckert sind. Hinzu kommt eine gewisse Ruhe, die über dem Ganzen liegt: Denn Industrieschnee kann nur entstehen, wenn kein oder nur ganz wenig Wind weht.
Aber dann hört es auch schon auf mit der Romantik: "Industrieschnee, wie der Name schon sagt, wird verursacht durch die Industriegebiete in Ballungsräumen", erklärt SWR-Wetterexperte Bernd Madlener.

Industrieschnee braucht "Inversionslage"
Es müssen verschiedene Faktoren zusammenkommen, bevor Industrieschnee entsteht: Zunächst mal braucht es eine sogenannte Inversionswetterlage. Das bedeutet, dass sich warme und trockene Luft in der Höhe sammelt - und feucht-kalte Luft in Bodennähe. Die warme Luft liegt wie ein Deckel über der kalten Schicht.

Befinden sich nun in dieser feuchten Kälteschicht dampfende Schlote, "verbinden sich Kondensationskeime aus Industriegebieten mit den Feuchtepartikeln aus dem Nebel", so Madelener. "In Ulm ist es beispielsweise das Fernwärme-Heizkraftwerk im Stadtteil Söflingen, das diesen Wasserdampf für die Bildung von Industrieschnee ablässt."
Weil die feucht-kalte Schicht, in der Industrieschnee entsteht, nur wenige hundert Meter hoch ist, haben die Schneekristalle nur eine sehr geringe Fallhöhe und können über die kurze Strecke bis zum Boden keine Schneeflocken bilden. Stattdessen rieseln nur kleinste Kristalle herunter. Dann besteht "urplötzlich Glättegefahr", warnt der Wettermann.

Normaler Schnee hingegen entsteht in einer Höhe von mindestens drei Kilometern. Erst dann können Kristalle "zu größeren Schneeflocken zusammenbacken", sagt Bernd Madlener.
Ich würde tatsächlich vorsichtig sein, Industrieschnee in den Mund zu nehmen.
Die Inversionswetterlage ist übrigens nicht wirklich gesund: Denn "unten ist die Luft ja sehr schadstoffbelastet durch Autoabgase, durch Heizungen, durch Industrie", so Madlener. "Die Luftqualität wird immer schlechter, je länger diese Inverversionswetterlage andauert".
Und schon gar nicht sollte man Industrieschnee in den Mund nehmen. "Er wird immer mehr mit Schadstoffen wie Ruß und Staub belastet sein als herkömmlicher Naturschnee". Und auch diesen sollte man nicht essen.
Industrieschnee: Rodeln möglich, Schneemann klappt nicht
Wenigstens taugt der Industrieschnee, wenn auch nur in seltenen Fällen, um darauf zu rodeln. Denn manchmal fallen "teilweise fünf, im Extremfall knapp zehn Zentimeter Industrieschnee", weiß der Wetterexperte. Aber so richtiger Winterspaß kommt trotzdem nicht auf: "Bei dieser Trockenheit des Industrieschnees kriegt man da keine Schneeballschlacht oder einen Schneemann zusammen".